Das Schlachtefest

Auf dem platten Lande war es schon seit ewigen Zeiten so, dass jeder, der ein Haus, auch ein Schwein
hat. Auf den Bauernhöfen war diese ja kein Problem, da gab es Ställe und darin viele Schweine,
mithin auch immer reichlich Wurst und Schinken.
Bei uns „kleinen Leuten“ taten sich doch einige Schwierigkeiten auf.
Wer ein Schwein futtern wollte, musste auch einen Stall haben.
Leute, die zur Miete wohnten kauften sich kurz vorm Schlachten das Tier.
Die meisten Siedler auf dem Busch futterten in der Regel ihr Schwein selbst. Einige sogar auch Säue
und züchteten Ferkel.
In ihren Ställen wurden die so beliebten Wurst-und Schinkenspender dann mit viel Liebe, von den
Essenresten oder vom Gemüseanbau im eigenen Garten bzw. angepachteten Feldern, bis zur
Schlachtreife gefüttert.
Das Schlachtefest war zu damaliger Zeit ein besonderes Ereignis. Schon Wochen vorher wurde
gerüstet. Die Schlachteutensilien wie:
Schlachtetrog, Wurstemollen, Krummbalken, Stricke und die Leiter zum Aufhängen des Schweins
wurden vom Boden geholt und ausgewaschen.
Vor Beginn der Prozedur musste erst eingekauft werden:
Grütze, Salz, Pfeffer -schwarzer und weißer -, Piment, Senfkörner, Plüggen für die Mettwurst (das
waren kleine Holzstäbchen, ähnlich den heutigen Zahnstochern, sie wurden oft beim Roarmoker,
(Stellmacher/Radmacher) -das war bei uns im Dorf der alte Baue -extra hergestellt) und
Wurstebindfaden. Essig für die Sülze und natürlich auch der Schlachteschluck.
Abends vorm Schlachten wurden dann die Weckgläser aufgewaschen und die Zwiebeln gepellt.
Früh am Schlachtetag muss bereits das Wasser im Kessel kochen, wenn der Schlachter das Schwein
aus dem Stall holt.
Er strich dann noch einmal das Abstechmesser am Stahl und wenige Minuten später lief schon das
Blut, nachdem er vorher das Schwein mit seinem Bolzenschussgerät betäubte.
Die unangenehmste Arbeit war sicher das Blutrühren. Diese Arbeit verrichteten meisten die Frauen,
wobei vorm Schlachten immer vom Schlachter gefragt wurde, ob eine der Frauen evtl. ihre Regel hat.
War dies der Fall, durften sie nicht daran teilnehmen, da angeblich die Wurst schlecht wird und die
Gläser nach dem Zukochen wieder aufgehen.
Das über das Schwein gegossene heiße Wasser bereitete die „Rasur“ vor. Mit spitzen Kellen wurde es
abgekratzt, bis es glatt war wie ein Kinderarsch, danach auf die liegende Leiter gerollt und mit dem
Kopf nach unten festgebunden, welche wir dann mit kräftigen Griffen, nebst Schwein, an eine
Hauswand stellten.
Der Schlachter schnitt nun den Bauch auf und entnahm die Innereien, die er säuberte, trennte und zum
Wursten in ein gesondertes Gefäß legte.
Besonderes Augenmerk legte er auf die Därme, in die ja später die Wurst gefüllt wird. Die Blase
wurde besonders vorsichtig behandelt. Nach dem Reinigen blies er sie mit einem Metallmundstück auf
und hing sie zum Trocknen auch an die Leiter.
Nachdem er noch die Flomen, hieraus wird später das Schrebenfett ( Griebenschmalz ) jeweils zur
Seite geklappt und mit Gabeln befestigt hatte, neigte sich das Schlachten dem Ende entgegen.
Das Schwein musste dann mindesten 8 Stunden bis zum Wursten abkühlen. In dieser Zeit kam
meistens der Trichinenbeschauer und untersuchte es auf Trichinenbefall.
Dazu entnahm er dem Schwein kleine Fleischstückchen die er unter dem Mikroskop betrachtete.
Oft habe ich auch durch dieses Ding geschaut aber nie etwas Sinnvolles erkannt.
War alles OK, bekam das Schwein links und rechts einen Stempel auf den Schinken und war zum
Wursten freigegeben.
An einem Abend, nach dem wir unser Schwein geschlachtet hatten, genau zwischen Weihnachten und
Neujahr, saßen wir Päpinghauser Jungs beim Geburtstagsbier. Von diesem mutig geworden, sollte der
Weg noch in die Stadt führen, um ein paar nette Menschen kennen zu lernen. Ich konnte leider nicht
mit, da wir um vier Uhr in der Früh wursten wollten.
Pünktlich war Ewald da. Ewald unser Hausschlachter, er war es bis zu seinem Tod im Jahr 2006.
Von Beerenbusch, wo er wohnt, bis zu uns sind es nur wenige Kilometer und deshalb fing er gern so
früh an.

Wir hatten bereits die Mettwurst fertig und das restliche Fleisch war aus dem heißen Sud im Kessel in
die Mollen gefüllt worden.
Monika holte uns gerade ein Bier, denn es war ein alter Brauch, nachdem die Mettwurst in den
Därmen war, erst einmal einen zu trinken, als wir plötzlich Geräusche am Kellerfenster hörten.
Dazu muss man wissen, dass unsere Wursteküche im Keller liegt.
Beim genauen Hinsehen erkannt ich plötzlich mir sehr bekannte Gesichter, zwar sehr gerötet aber sie
gehörten zweifellos meinen Freunden, mit den ich vor ein paar Stunden ein Bier zusammen getrunken
hatte.
Sie waren auf dem Rückmarsch vom CHEZ NOU, einer damals in einschlägigen Kreisen sehr
geschätzten Kneipe in der Nähe des Bahnhofes, welche wegen seiner doch stets gut beleuchteten
Damen von uns gern aufgesucht wurde.
Die lange Nacht hatte die Jungs hungrig gemacht. Was lag da näher, als bei uns zum Wursten
einzukehren. Da gab es ja Fleisch in Hülle und Fülle.
Gerade hatte ich Monika noch zugerufen, sie möge doch den 80% Rum holen, als schon der Erste in
der Wursteküche stand.
Sie wollten nur ein kleines Stückchen Fleisch. Auch nicht umsonst. Nein, sie wollten mit Wursten
helfen.
Die Ärmel wurden aufgekrempelt und Hand angelegt. Günter G. hatte die Position des
Wurstmaschinenführers übernommen und wühlte gerade bis zu den Ellenbogen in der Fleischmolle,
als Monika ihm einen Schluck einschenken sollte. Da seine Hände fettig waren, bat er darum, ihm
den Schnaps direkt in den Mund zu kippen.
Diese 80% nahmen ihm schlagartig den Atem. Die Augen traten aus ihren Höhlen. Der Schweiß stieg
ihm nicht nur auf die Stirn. Mit Mühe konnten wir ihn zurückreißen, sonst hätte er in die Molle
gekotzt.
Ewald hatte Helmut inzwischen den Schweineschwanz in seine, erst zu Weihnachten als Geschenk
bekommene, Lederjacke gesteckt, ohne das er dies bemerkte. Es sollte eine kleine Aufmerksamkeit
für seine Frau sein. Leider ist es nie überliefert worden, ob er in dieser Nacht oder überhaupt jemals
zum Einsatz gekommen ist.
Da auch seine Jacke vorn reichlich mit Fett bekleckert war, konnte er sie später zu festlichen
Einsätzen nicht mehr gebrauchen.
Günter B., er wohnt schräg gegenüber, ergo steht sein Haus zu unserem seitenverkehrt, wollte nach
einigen kleinen „Rümchen“ fluchtartig den Heimweg antreten. Doch da, wo bei ihm der
Kellerausgang ist, war bei uns der Kokskeller. Sein Bemühen den Kokshaufen zu erklimmen endet
kläglich. Nach ein paar Minuten trat uns plötzlich ein schwarzer Mann entgegen, dessen Kleidung
auch nur im Entferntesten an die vorher von ihm getragene erinnerte und das, wo doch seine Frau
immer so penibel auf ihn achtete.
Mit großer List gelang es uns dann meine Freunde auf den rechten Weg zu führen. Nach einigen
Umrundungen unseres Hauses haben alle, vom Durst befreit und satt, einige zu satt, den Heimweg
angetreten, allerdings nicht ohne hier und da einen kleinen Haufen auf den weißen Schnee in unseren
Blumengarten zu kotzen.
Übrigens: Die Wurst hat in diesem Jahr hat ausgezeichnet geschmeckt.

Claudiro 2006