Es wurde mal wieder Zeit

Bin ich das nun oder?
Ich sitze in meinem geliebten Ohrensessel, den Mund gespitzt, die Stirn in Falten und starre mit
zusammengekniffenen Augen immer wieder ungläubig auf diesen vergilbten
Zeitungsausschnitt mit dem Bild eines verschmitzt lächelnden, blonden, apfelschmatzenden
Jüngling. Lege ihn wieder beiseite, um ihn schon nach wenigen Minuten wieder in die Hand
zu nehmen.
„Wann war das? Wo war das? Kein Zweifel, das muss ich sein“, brumme ich so vor mich hin.
„Ah, hier ist das Datum zu erkennen- 1.Oktober 1965.“, der Rest ist dunkelbraun?
Den Kopf schräg auf die Hand gestützt, die grauen Zellen arbeiten.
„Wann war das? Wie kommt das Bild in den Tagesanzeiger der 60ziger Jahre?“
„ Gibt’s nicht mehr. Heute heißt die Zeitung Westfalenpost.“
„Leide ich denn schon unter Demenz? Vom Alter her muss ich wohl neun, höchsten zehn
sein.
„Was war damals?“
Muss erst eine Nacht drüber schlafen.
Es wurde eine fürchterliche Nacht. Links gedreht und rechts herum. Füße raus, hoch das Bett,
oh, kalt und wieder rein.
„Was war damals? Warum war mein Bild in der Zeitung und warum hatte Mutter es
aufbewahrt, in dem großen Koffer wo auch meine Zeugnisse liegen und der
Konfirmandenbrief.“
„ Denk an was Anderes, morgen fällt es dir vielleicht wieder ein. Du musst jetzt schlafen.
Schafe zählen.“
Bei dreihundertfünfundachtzig wieder hell wach.
„ Ich bin ganz müde, ich bin ganz müde, ich bin ganz müde, ich bin gan.., ich bin g…, ich
bi..,ic.“ Schnarch, Schnarrrch, schnarrrrch.
„Guten Morgen liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da. Es ist Zeit zum Aufstehen!“ Da sitze ich schon
senkrecht im Bett.
„Verfluchter Radiowecker.“ Das kann doch wohl nicht wahr sein, ich bin doch gerade erst
eingeschlafen.
Vor dem Spiegel schaut mich ein graues, übernächtigtes Gesicht entgegen, eingefallene,
schlaftrunkene Augen, Bartstoppeln, Haare wirr um den Kopf, aus dem linken Mundwinkel ist
eine braune Flüssigkeit gelaufen und hat eine Spur bis zum Kinn hinterlassen.
„Muss wohl heute Nacht gequasselt und dabei geseibert haben.“
“ Das bin ich nicht“.
„Hol doch mal den Zeitungsausschnitt und halt das Bild neben dein Gesicht.“
„Na ja, die Augen und der spitze Mund, könnte was dran sein, aber warum in der Zeitung?“
„Warst du als Kind nicht immer gegen Obst allergisch? Du hattest doch immer Dünpfiff nach
grünen Äpfeln!“
Ein langer, immer schriller werdender Pfiff. Das Kaffeewasser meldet sich.
Schlürf, schlürf. Zigarette an. Tiefer Lungenzug. Huste, huste!
„Ooooh tut das gut.“ Zeitung von der Tür holen.
Zeitung, Zeieieitung? „ Wo ist der Bildausschnitt?“
„ Hattest du denn mal solche Mütze?, spinnst du jetzt, Das kannst du doch heute nicht mehr
wissen!“
Rrrrrrrrrrrrrr, rrrrrrrrrrrrrrr, marter, marter, Gehirn arbeitet auf Hochtouren.
„ Wer war denn damals dein Freund? Mit wem hast du immer gespielt? Haben wir vielleicht
Äpfel geklaut und sind dabei erwischt worden? Aber, sowas kommt doch nicht in die Zeitung,
selbst damals nicht.“
„Welches Datum? Ah, Oktober, da sind die Äpfel schon reif. Muss ja draußen noch warm
gewesen sein, hast ja ganz leichte Kleidung an.“
„Oder hatten wir eine geraucht und hinterher zur Verschleierung des Atems einen Apfel
gefuttert und uns hat einer fotografiert? Nee, in dem Alter, da waren wir noch nicht an der
Pfeife.“
„Hat dir die Karin, das war doch damals deine Freundin, den Apfel geschenkt und ihre Eltern
haben dich beim schmausen geknipst. Ihre Eltern? Ihr Alter arbeitete doch bei der Zeitung,
oder?“
„Was ist denn noch im Koffer?“
Treppe rauf.
„Verdammt schwer diese alte Kiste, warum kippe ich die nicht gleich hier auf dem
Dachboden aus?“ Unten kannst du den Müll besser entsorgen. Ekelig wie du dich verändert
hast, früher hättest du den nicht mehr zu verwendenden Scheiß gleich unter die
Dachschräge geschubst.“
Klirr, polter, rums, da liegt der Mist.
„Oh, riecht muffig. Ist ja auch schon 50 Jahre alt.“
Such, such. Kratz, kratz. Nichts Verwertbares mehr zu entdecken. Die ganze Küche liegt voll.
Stinkt.
Klingeling, klingeling.
„Wer läutet denn da an der Haustür, jetzt wo der ganze Müll in der Küche liegt?
„Ich mache nicht auf, bin verreist.“
Klingelinglinglingeling, klingelingelingelingeling, klingling.
„Hartnäckiger Hund“, verdammt, das könnte der Postbote sein!“
„Elke, Duuuuu?“ Ich werd verrückt, Elke meine Zwillingsschwester, mir wie aus dem Gesicht
geschnitten. Nun fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren. Ich Idiot, das ist Elke auf dem
Zeitungsausschnitt.
„ Henry, was machst du denn mit dem ganzen Müll in der Küche?“
„Ach Elke, es wurde mal wieder Zeit den Boden aufzuräumen“.
„ Das nächste Mal rufst du mich aber rechtzeitig an, dann helfe ich mit, da sind doch sicher
auch noch Klamotten von mir dabei oder irre ich mich?“

Claudiro/2007