„ …Nur die schönen Stunden nicht“ (Erzählung)

Zu Ostern herrschte in unserem Dorf immer ein reges Treiben. Schon Tage vorher
organisierte die Feuerwehr die Aktion „Saubere Landschaft“.
Mit Trecker und Gummiwagen die Einen, mit Mistforke und Müllsack wir Anderen,
zogen wir durch die Natur, um den von sorglosen Mitmenschen dort wahllos
verstreuten Wohlstandmüll einzusammeln und auf unseren Brennplatz abzuladen.
Hinzu kam alles Gerümpel, was Boden, Keller und Lagerschuppen zu bieten hatten
und nicht mehr zu gebrauchen war.
So rollte dann Wagen um Wagen heran und musste mühevoll entladen werden.
Nach dem Motto: „die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“, wurde
der Müll sortiert. Brennbare Stoffe: Holz, Papier, Pappe, Lumpen und ähnliche, von
uns dereinst zum täglichen Gebrauch genutzte Wirtschaftsgüter, wurden zu einem
riesigen Berg aufgestapelt, indem zu Unters einige Ballen Stroh zum besseren
Anbrennen des Feuers eingearbeitet waren. Hinzu kam noch, dass wir an allen
Ecken des Stapels alte Autoreifen als Brandbeschleuniger versteckt hatten. Den
nicht zum Feuer taugenden Restmüll fuhren wir auf eine Deponie.
Endlich war der Ostersamstag da. Der Holzstapel lag noch an seinem Platz, was
des Öfteren, in früheren Jahren, nicht immer der Fall gewesen war. Böse
Zeitgenossen hatten sich einen Spaß daraus gemacht und den riesigen Holzstapel
schon in der Nacht vorher zum Glühen gebracht.
Horst, unserer späterer hautamtliche Feuerwehrmann und Günter, von der
Bundeswehr befreit und dafür zehn Jahre Feuerwehr dienstverpflichtet, machten
diesmal die Erfahrung, dass Feuer durchaus warm sein kann.
Sie waren das Anzündekommando und hatten schon sehr früh am Nachmittag
Diesel in die Reifen gekippt und nicht daran gedacht, dass bei angenehmen,
vorösterlichen Temperaturen sich dieses verflüchtigt und ein Gasgemisch entsteht,
welches beim Entzünden zur Verpuffung neigt.
So geschah es dann auch, dass bei der ersten Berührung der Reifen mit der
brennenden Feuerlanze, einer langen Stange, vorn mit in Diesel getränkten,
brennenden Putzlappen umwickelt, die Verpuffung knallartig einsetzte. Alle Reifen
brannten lichterloh und die Beiden standen mitten drin.
Mit einer nie vorher von ihnen gesehenen, affenartigen Geschwindigkeit verließen
sie sprunghaft das Feuermeer, wälzten sich sofort außerhalb der Feuerstelle im
Graß, damit eventuell an ihrer Kleidung vorhandene Funken keine Chance fanden
dieselbe zu entzünden.
Außer einem stärkeren „Sonnenbrand“ im Gesicht und an den Händen hatten sie,
zur Freude aller Zuschauer, keinen größeren Schaden erlitten.
Großeltern, Eltern und ihre Kinder, Onkel, Tanten und weitere Anverwandten,
tummeln sich an so einem Tag schon früh am Ort des „Feuergottes.“ Warten
sehnsüchtig auf den Beginn der Abenddämmerung und dem langezogen Tuten des
Feuerhorns, dem Signal für, wie es so schön auf Plattdeutsch heißt,
„Äd wed jez annebott!“
Zunächst brennt nur der Diesel in den Autoreifen. Ist die Temperatur ausreichend
vorhanden, stinkt es bestialisch nach Gummi. Schon bald züngeln erste Flammen
am feinen, trockenen Holz zu den dickeren Stämmen und Brettern empor und nach
nur wenigen Minuten steht der große Holzstapel hell in rötlich zuckenden Flammen.
Funken stieben hoch in den Nachthimmel, um langsam in der Ewigkeit zu
verglimmen. Der scharfe Brandgeruch kriecht unaufhörlich in alle Nasen. Große
Kinderaugen schauen gebannt, die Augen manche Ältere gedankenvoll diesem
Schauspiel der Wandlung von fester Masse in thermische Energie zu.
Es ist immer wieder ein wunderschönes, romantisches Gefühle von Dunkelheit
umhüllt in die Glut eines Feuers zu starren und die allgewaltig aufsteigende Wärme
am eigenen Leib zu verspüren.
Bei so einem Osterfeuer geht es, wie ja landläufig bekannt, nicht immer trocken zu.
Es müssen die Kehlen der Feuerwehrmänner stets feucht gehalten werden
(Stichwort: Verpuffung).
Die durch das lodernde Feuer verursachte Wärme fördert zudem durchaus auch
das Durstgefühl bei Besuchern, die dem heidnischen Brauch frönend, nur zum
Zuschauen gekommen sind. So ist es nicht verwunderlich das manches Bier
prickelnd den heißen Schlund Richtung Magen verlässt und ein weiteres wohliges
Gefühl im Körper auslöst.
Diesmal hatten wir das Feuer im alten Sandloch, da wo heute unser Sportplatz ist,
angelegt. Es war bereits sauber abgebrannt, neigte sich dem Ende entgegen,
entwickelte aber noch eine, durch die Glut bedingt, gewaltige Hitze. Dickere
Baumstämme lagen quer oder auch übereinander gefallen und waren zu bizarren
Gebilden geformt. An vielen Punkten glimmten fest zusammen gepresste Pappreste
und bildeten Glutnester, die bei jedem Windhauch aufstöhnten und einen
Funkenreigen von sich katapultierten, um im nächsten Moment wieder harmlos vor
sich hin zu säuseln und einzuschlafen.
Aus Dosen oder Flaschen entwich hin und wieder fauchend die zu Dampf
umgewandelte, einstmals in ihr vorhandene Flüssigkeit, einem fliehenden
Flaschengeist gleich, als unser Löschgruppenführer Helmut Bakemeier
leichtsinniger Weise für demjenigen 50,-DM ( in Worten fünfzig deutsche Mark)
auslobte, der diese Glut in seiner Länge durchschreiten würde.
Er hatte es kaum ausgesprochen, als ich, ausstaffiert mit schweren Lederstiefeln
und einem feuerfesten Parka, mit Helm und dicken Handschuhen, nach der
unbeschädigten Durchschreitung des Feuers, vor Ihm stand und die Hand zum
Empfang dieses „Braunen Riesen“ aufhielt.
Mein Gesicht war zwar etwas gerötet, was nicht unbedingt nur dem Feuer
geschuldet war, die Füße rauchten ein wenig, ich hatte trotzt der dicken Kleidung
eine warme Kiste bekommen, aber sonst war mir nichts geschehen.
Es hat ihm sichtlich weh getan, diesen Schein aus dem Portmonee zu holen, war er
doch davon ausgegangen, dass in den Reihen seiner Feuerwehr nicht so ein
Verrückter ist, der des schnöden Mammons wegen so ein Risiko auf sich nimmt.
Zudem war es doch sein einziger Schein und den hatte er mit Mühe seiner nicht
gerade spendablen Großmutter abgezwackt.
„Helmut, was ist schon Geld?“ gab Kamerad Bernd mit mitleidslosem aber weisen
Blick von sich. „ Das kann man sich wiederbeschaffen, nur die schönen Stunden
nicht.“
Claudiro