Sommerurlaub 2008

„ Wie spät ist es schon?“ Gerlind Droste schaute flüchtig auf ihre Armbanduhr.
„Verdammt, der Bus ist weg, was mache ich jetzt?“
Sie muss unbedingt in die Stadt zur Apotheke und dort das Selbstbräunungsmittel abholen.
Eilig überquerte sie die Straße. Neben der Kirche, an der Telefonzelle steht ja öfter ein Taxi.
„Telefonzelle? Du musst noch Hannchen Dormeyer anrufen, die hat heute Geburtstag“,
schoss es ihr durch den Kopf. Die Telefonzelle war frei aber ein Taxi weit und breit nicht zu
sehen.
„ Hallo Hannchen, herzlichen Glückwunsch zu Deinem 45. . Gerd und ich wünschen Dir
alles Liebe und, na ja du weißt schon, was man sich alles so wünscht“, waren ihre ersten
Worte, als Hannchen sich am Telefon meldete.
„ Vielen Dank für eure Glückwünsche“, säuselte Hannchen mit spitzem Mund, um dann
gleich zu fragen:
„ Wie war es denn im Urlaub? Ihr wahrt doch in diesem Jahr auf Gran Canaria, oder habe
ich das falsch in Erinnerung?“
Darauf habe ich gewartet, dachte Gerling ärgerlich, alle Jahre waren wir in die schönsten
Feriengebiete mit dem Auto in Urlaub gefahren, haben nach der Rückkehr mächtig auf den
Putz gehauen und geprahlt, wie schön es war, es hatte keinen Interessiert.
Dieses Jahr haben wir bei jeder Gelegenheit erwähnt, dass wir mit dem Flieger nach Gran
Canaria jetten und einmal richtig die Sonne genießen wollen, schon wird neugierig
nachgefragt.
Dabei war das alles nur eine Finte. Wir konnten gar nicht in den Urlaub. Mir fehlt der
Führerschein und Gerd musste seinen „Lappen“ wegen zu vieler Punkte in Flensburg für
vier Wochen abgeben. Außerdem waren 12 Nachhilfestunden, je zur Hälfte Theorie und
Praxis, für ihn fällig. Dass konnte er unmöglich in der näheren Umgebung bei einer
Fahrschule machen. Er war der Bürgermeister in dem kleinen Nest, in dem sie seit
dreiundzwanzig Jahren wohnten. Der politische Gegner hätte sich schief gelacht und er wäre
zum Gespött der Bürger geworden.
Also wurde kurzer Hand bei Tante Steffi im weit entfernten Saarland angerufen, die schon
lange auf ihren Besuch wartete und dort ein Fahrlehrer gesucht, bei dem Gerd seine
Nachschulung hinter sich bringen konnte.
„Wie war denn das Wetter?“ hob Hannchen sofort wieder an.
„Strahlend blauer Himmel von morgens bis abends. Wir haben den ganzen Tag in der Sonne
gelegen, na ja, mehr unter den Palmen, weil ich die Sonne nicht so gut vertrage“, schränkte
Gerlind sofort im Hinblick auf ihrer tatsächlichen Blässe ein
„ Da seid ihr doch sicher ordentlich braun geworden oder?, fragte sie höhnisch.
„ Braun, wer will denn heute noch braun sein, bei dem hohen Krebsrisiko, aber ein wenig
Farbe haben wir schon gekriegt.“
Insgeheim hoffte Gerlind, dass sie mit dem Bräunungs-Wundermittel, wenigsten ihr bleiches
Gesicht kaschieren könnte.
Bei Tante Steffi in den Weinbergen oberhalb der Saar war vierzehn Tage die Sonne nicht
durch die Wolken gekrochen. Sie hatte in der Küche gesessen und mit Steffi alles mögliche
Gemüse aus dem großen Garten geputzt und in Gläser gepfropft, die sie anschließend
eingekochte. Gerd unterstützte, wenn er nicht gerade zur Fahrstunde musste, Herrmann,
Steffis Ehemann, bei den umfangreichen Arbeiten im Weinberg.
Den Beiden hatten sie erzählt, dass Gerd unten in der Stadt an einer
Weiterbildungsmaßnahme für Kaufleute teilnimmt.
„Warum wir keine Karte geschrieben haben? Ist die noch nicht da Hannchen? dann muss
sie aber in den nächsten Tagen kommen. Die spanische Post, du weißt ja“, antwortete sie
spontan auf die Frage von Hannchen.
Onkel Hermann war so stolz, dass sein einziger Neffe ihn besuchte und lies eines Abend
durchblicken, dass Gerd dieses Weingut, so nannte er seine vier Hektar Weinberg, nach
seinem und Steffis Tod, einmal erben sollte.
„Hier fehlt ein richtiger Kaufmann“, hatte sich Tante Steffi eingemischt „und wenn du dich
bei uns weiterbildest, ist das genau richtig.“
Gerlind hatte zu Gerd herüber geschaut, der im Hintergrund die Augen verdrehte.
Das fehlt auch noch, in diesem Kaff hier versauern. Mist mit einer Karre den Berg hoch
asten, Unkraut hacken und jäten, das war nicht ihr Ding, und überhaupt, kann man von so ein
paar Hektar Wein leben?
Sie hatte große Zweifel und ihre Gedanken befassten sich schon mit dem denkbaren Erlös
bei Eintritt des Erbfalls nach Verkauf dieser Grundstücke und des kleinen Berghauses mit
Remise.
„ Habt ihr denn auch die romantische Bootsfahrt im Vollmond gemacht, die Gerd dir
versprochen hatte?, platzte Hannchen in Ihre Gedanken.
„ Ja natürlich, dass war doch Gerd sein größter Wunsch“, antwortete sie allmählich nervös
werdend. Hoffentlich hört die bald auf zu quatschen, dachte sie im Stillen und fragte dann
ihrerseits, um abzulenken:
„Wie war denn euer Urlaub?“
„Gerlind, wir sind diesmal den Rhein hochgefahren und haben ein paar wunderschöne Tage
an der Saar Station gemacht, anschließend eine Woche in Frankreich an der Loire gecampt.
Es war sehr, sehr schön. Ach Gerlind da fällt mir gerade ein, wenn ich nicht genau gewusst
hätte, dass ihr auf Gran Canaria seid, hätte ich geglaubt, es wäre Gerd gewesen, den ich
irgendwo in einen Fahrschulwagen gesehen habe. Es war wohl eine Täuschung, vielleicht
hat er einen Doppelgänger.“
Gerlind wurde puterrot und stotterte verlegen:
„Ja, ja das kann nur so sein. – Du, Hannchen ich muss jetzt Schluss machen, es stehen
schon Leute vor der Telefonzelle und werfen mir böse Blicke zu. Tschüss bis bald und feiert
ordentlich.“
„ Danke, dass werden wir wohl tun. Man sieht sich. Gruß auch an Gerd.“
Gerlind legte den Hörer auf. Der Schweiß stand ihr auf der Stirn. Das wärs gewesen, wenn
diese alte Klatschtante Gerd bei der Nachschulung erkannt hätte.
Claudiro