Verpasste Gelegenheiten

„Gott sei Dank, er steht noch am Bahnsteig!“ Martina Block hastete die letzten
Treppenstufen zum Bahnsteig 13 im Bahnhof Hannover empor. Ihr kleiner, brauner Trolly
schlitterte am langen Arm über die Treppenstufen. Genau gegenüber der Treppe stand der
Bistro-Wagen ihres wartenden IC´s 532 nach Köln. Ausgerechnet heute musste ihr Bus
Verspätung haben. Sie flitzte hinüber, sprang hinein und ließ sich erleichtert in den ersten Sitz
an einem kleinen halbrunden Tisch fallen. Ihre Arme lagen schlaff über die Sitzlehnen und
berührten beinahe den Boden. Durch den scharfen Pfiff des Zugschaffners, das Signal zur
Abfahrt, schreckte sie aus ihrer Erstarrung. Schweiß ran ihr über die Stirn in die Augen, die
sie jetzt öffnete, um ihr Umfeld zu erkunden.
Das Bistro war bis auf einen Platz menschenleer. Sie erkannte einen Mann mittleren Alters,
der zwar mit gelangweiltem Blick über seine Zeitschrift zu ihr schaute, sie meinte aber ein
verschmitztes Lächeln in seinem Gesicht zu erkennen und zog blitzschnell ihre weit
ausgestreckten Beine unter Ihren Körper und strich ihren Minirock über die Knie.
„Der Kann mir ja bis ins „Herz“ schauen“, vermutet sie verschämt.
Hans Freiherr von Boldt hatte wegen der langen Umsteigezeit auf dem Bahnhof Hannover
gelangweilt dem Treiben der über den Bahnsteig eilenden Menschen zugesehen. Die neuen
Fahrgäste waren bereits im Zug, da jagte noch eine junge Frau die letzten Stufen empor,
blickte wild an dem Zug entlang, erreichte mit fünf langen Schritten die geöffnete Waggontür,
schwang sich hinein, stürmte ins Bistro und sank erschöpft in den Sessel am Tisch schräg
gegenüber.
Ihre weit von sich gestreckten Beine und der hochgerutschte Mini, ließen ihn aus seinen
dumpfen Gedanken schrecken.
„Vielleicht wird der Tag ja doch noch ganz angenehm“, schwirrten die Gedanken in sein Hirn
und er bemühte sich ein breites Grinsen zu unterdrücken.
Martina hatte sich nach vorn gebeugt, sie mochte ihre Augen nicht heben.
„Was denkt der nur von mir?“ . Mit starrem Blick schaute sie auf die, auf den Tisch stehende
Zuckerdose, dabei entdeckte sie die Speisekarte.
Sie blätterte mit nach außen gelangweiltem Blick darin herum, schielte dabei aber über den
oberen Rand, um ihren Gegenüber in ihr Blickfeld zu bekommen.
Der hatte seine Zeitung beiseite gelegt und schaute gedankenverloren in die vorbeisausende
Landschaft.
„Eigentlich ein markantes Gesicht“, nahm sie im ersten Anblick wahr. Das dunkle Haar war
sehr kurz gehalten. Erste graue Strähnen an den Schläfen ließen auf ein Alter um Ende dreißig
schließen. Unter buschigen Augenbrauen ragte eine, für ihren Geschmack, etwas zu lange
Nase hervor. Der Mund und das Kinn wurden durch die leicht eingefallenen Wangen betont.
Sein Oberkörper schien muskulös zu sein.
„Hoffentlich steht der mal auf, dass ich seinen ganzen Boddy sehen kann“, dachte sie bei
sich, als sie von der Ansprache des Bistrokeepers aus ihrer Betrachtung gerissen wurde:
„ Haben sie schon etwas in unserer Karte gefunden?“, fragte er in einem gefälligen Ton.
„Jaaaaa.“ Sie zog dieses Wort extra lang, um noch Zeit für Überlegungen zu bekommen.
„Ja, bringen sie mir einen Kakao. Nein, warten sie, ich nehme einen Piccolo und ein Stück
Erdbeerkuchen“, der Kuchen wurde in diesem Monat als Angebot offeriert.
„Jawohl junge Frau, Piccolo und Erdbeerkuchen“, wiederholte er laut.
„ Piccolo und Erdbeerkuchen. Du bist bekloppt“, grummelte sie und wurde puterrot. „Wenn
der Kerl das mitbekommen hat, glaubt er, du leidest an Geschmacksverirrung“ und sie warf
einen flüchtigen Blick zu Hans herüber.
Freiherr von Bold war viele Minuten tief in seinen Gedanken versunken und hatte an die nicht
gerade leichte Aufgabe gedacht, die er heute noch zu meistern hatte, als er durch die
Bestellung wieder an den weiblichen Fahrgast erinnert wurde. „Piccolo und
Erdbeerkuchen, das hat was, sowas bestellt nicht jede, oder kommt die vielleicht gerade von
Wembley, wo man schöne Frauen mit einem Gläschen Sekt in der einen und einem Schälchen
Erdbeeren in der anderen Hand beim Tennis bewundern kann.“
„Nee“, dachte er dann sofort, „so sportlich ist sie dann doch nicht, aber ein tolles Fahrgestell
hat sie, von der Erde bis in ihren Bauch, davon habe ich mich ja unlängst überzeugen können
und überhaupt, sie hatte eine Klasse Figur“
Er schaute schnellen Blickes noch einmal zu ihr herüber. Sie war bereits am Futtern und
schob gerade einen großen Happen von dem Kuchen in ihren spitzen Mund.
Ihr schmales Gesicht wurde von einem Schwall blonder Locken umrahmt.
„Da könnte man sich sofort drin verknallen“, flüsterten seine Gedanken, bevor ihn seine
besondere Aufgabe und seine Stellung wieder in die Realität zurück katapultierten.
Der Zug verlangsamte seine Fahrt und hatte nach wenigen hundert Metern den nächsten
Bahnhof erreicht. Einige Fahrgäste stiegen aus. Ein Polizist in Uniform betrat das Bistro und
stellte sich direkt zwischen ihnen, an den runden Pfahl, in der Mitte des Raums, der auch in
den meisten Etablissement jungen halbnackten Damen als Arbeitsstätte hätte dienen können.
„Schade“, dachte Hans, „der schöne Anblick ist verstellt.“
Auch Martina hatte den neuen Gast bemerkt und bedauerte, dass sie ihre Erkundungen zu
dem Mann in „Black“ nicht mehr fortführen konnte. Sie hatte längst bemerkt, dass er beinahe
vollständig in schwarz gekleidet war und ihn gedanklich so getauft.
„Er ist sicher eine Sünde wert, ob ich ihn einfach anspreche?
„ Warum hast du das nicht vorhin getan, als wir noch allein waren?“, stellte sie fest und
ärgerte sich.
„ Die letzten Stunden deiner Freiheit willst du doch noch ausnutzen.“
„Ich könnte ja einfach aufstehen und beim Gang zur Toilette, kurz vor ihm, umknicken, um
dann zu einem Gespräch zu kommen“, malte sie sich eine Strategie aus. In diesem Augenblick
betrat ein zweiter Polizist das Bistro, beide verließen aber nach wenigen Worten und einer
Tasse Kaffee den Wagen. Der eine ging in den vorderen, der andere in den hinteren Waggon.
Sie erkannte ihre letzte Chance, erhob sich, strich ihren Rock glatt und wollte los gehen, da
öffnete sich die Tür und ein Schaffner krächzte mit heiserer Stimme:
„Hier noch jemand zugestiegen? Die Fahrtkarten bitte bereit halten!“
Bums, da saß sie wieder auf ihren vier Buchstaben.
„Son Scheiß, hatte ich gerade den Mut gefasst anzugreifen, muss der Trottel von Schaffner
mir die Schau vermasseln.“
Eilig kramte sie in der Seitentasche des Handkoffers nach ihrem Fahrschein. Mit:
„Ich wünsche ihnen noch eine gute Reise“, verschwand er, nach Überprüfung ihres Tickets,
ins andere Abteil.
Die Spannung war aus ihr gewichen. Im Augenblick konnte sie keinen neuen Angriff starten.
Hans hatte bereits mit Bedauern zur Kenntnis genommen, dass seine schöne Bistropartnerin,
nachdem die beiden Polizisten das Bistro verlassen hatten, sich anschickte den Raum zu
verlassen, er wäre doch so gern mit ihr ins Gespräch gekommen. Sonst war er sehr offen und
konnte mit Leichtigkeit Worte zu Sätzen formen. Bei dieser hübschen Frau fielen ihm einfach
nicht der richtige Weg und die passenden Worte ein.
„Ich stehe jetzt auf, gehe zu ihr, stelle mich vor und frage sie, ob ich sie zu einer Tasse Kaffee
einladen darf.“ Er schaute noch einmal sein Gesicht in dem schwachen Spiegelbild der
Fensterscheibe an, rückte seinen steifen Kragen zurecht und erhob sich, da tönte es aus dem
Lautsprecher durch den nur vom Fahrgeräusch durchzogenen Gastraum:
„Verehrte Fahrgäste in wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof Bielefeld. Die nächsten
Anschlusszüge“ usw. usw.. . Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er hier aussteigen muss. Er
nahm seinen Aktenkoffer von der Gepäckablage, legte sich den kurzen schwarzen Mantel
über den Arm, drehte sich zu ihr, um noch einmal ihr Antlitz zu sehen und verließ mit einem
freundlichen Lächeln und:
„Ich wünsche noch eine angenehme Weiterfahrt“, den Raum, ging zur Tür und holte hier
erstmal tief Luft.
„Hoffentlich bekomme ich jetzt rechtzeitig den Bus“, dachte er, als der Zug mit kurzen
Rucken zum Stehen kam.
„Der Tag beginnt schon beschissen, wie wird der nur Enden? Da sitzte ich allein mit einem
interessanten Mann im Abteil und finde nicht den Mut, na ja, der Troddel auch nicht, ein
Gespräch anzufangen“, fluchte Martina leise vor sich hin. Sie hat sich für die nächsten zwei
Tage so viel vorgenommen, will noch einmal das freie Leben genießen, bevor sie dann allem
Weltlichen für lange Zeit entsagen muss. Vielleicht sogar für immer.
Im Bus zu seinem Bundeswehrstandort ließ Hans die Fahrt noch einmal an seinem inneren
Auge Revue passieren und sagte sich:
„ Das Leben besteht aus verpassten Gelegenheiten. Nicht traurig sein alter Knabe, es wird
sicher andere Möglichkeiten geben, jemanden kennenzulernen.“ Beim Gedanken traurig war
er innerlich zusammengezuckt und hatte sofort seinen Aktenkoffer geöffnet und ein
vorbereitetes Schreiben durchgelesen. Es war die Trauerrede für einen verstorbenen
Kameraden, die er als Militärgeistlicher in wenigen Stunden halten muss.
Die weitere Reise war Martina einfach trostlos vorgekommen.
Erst beim Ausstieg, als ihre Klassenkameradinnen sie überschwänglich und mit lautem
Gesang in Empfang nahmen, wurde ihr wieder bewusst, dass sie in den nächsten zwei Tagen
die Nacht zum Tag machen wollten, um ihren Abschied vom Junggesellinnenleben anständig,
unanständig zu feiern, bevor sie dann ihrem langjährigen Verlobten das Jawort gibt.
Claudiro