Waldfruchtmarmelade.

Eigentlich war es wie damals.
Damals?
Nach tiefem Nachdenken: Es hat ja nur ein damals gegeben. Aber, wann
war das gewesen?
Er betrachtete Elena nachdenklich, während sie mit geschickten Händen
den Picknickkorb von seinem leckeren Inhalt entlastete und munter drauflos
plapperte.
Ihr Lächeln war etwas härter geworden, verschmitzter. Ihre Stimme eine
Oktave tiefer, vielleicht etwas heiserer.
Trug sie nicht das gleiche Kleid? Dieses farbenreiche Blumenmuster kam ihm
auffallend bekannt vor.
„Hier, schau mal, deine Lieblingsmarmelade!“ Mit der graziösen Geste eines
Magiers, zauberte sie ein Glas Waldfruchtmarmelade aus dem Koffer und
hielt es ihm vor Freude strahlend unter die Augen. „Du magst sie doch heute
auch noch, oder?“
„Woran du dich noch erinnern kannst“.
Hatte er jemals Marmelade und dazu noch Waldfrucht gemocht?
Marmelade war nie sein Fall gewesen, aber was schwatzt man nicht alles zu
einem jungen, hübschen Mädchen, wenn sie einem zum Picknick auf eine
einsame Lichtung im Frühling einlädt.
Sie beugte sich dichter zu ihm herüber. Ihr linker Träger war leicht über die
Schulter gerutscht. Er konnte ihren Busenansatz sehen. Sein Atem ging
spürbar schneller. Das Herz hämmerte in seiner Brust. Von ihr strömte wieder
dieser flüchtige animalische Duft aus, der ihn schon einst nahezu um den
Verstand gebracht hatte.
Er hatte sie damals in seine Arme gerissen, sie geküsst, sie hatten sich geliebt,
für beide war es das erste Mal gewesen, hier an der gleichen Stelle, auf
dieser einsamen Lichtung, im kleinen Wäldchen hinter dem Weiher.
Warum hatte sie ihn wieder hierher gelockt? Ewige Zeiten waren seit dem
letzten Treffen vergangen. Es müssen mehr als zehn Jahre gewesen sein.
Im Frühjahr 98 bauten sie beide am Herder-Gymnasium ihr Abi. Damals
steckte sie ihm heimlich einen Spickzettel in die Tasche.
„ Möchte Dich gern am Sonntag um 15.00 Uhr treffen, folge den Pfeilen auf
der Rückseite, Gruß Elena.“ Er hatte keine Erfahrung mit Mädchen, nie eine
Freundin.
Abi ist wichtig, das bläuten seine Eltern, Vater Kreismedizinaldirektor, Mutter
Finanzbeamtin, ihm ständig ein.
War es seine, aus den Mahnungen der Eltern resultierende Zurückhaltung
gegenüber Mädchen gewesen, die ihn bei ihnen so interessant machte?
Er hatte das Getuschele hinter sein Rücken durchaus vernommen.
„Ist der vielleicht vom anderen Ufer?, Zwanzig Jahre und keine Freundin“,
oder ist er krank?“
War es ihre Neugier, dass sie ihm einen Spickzettel schrieb? Wollte sie ihn
testen?
Gleich nach dem Mittagessen war er noch einmal unter die Dusche
gesprungen, schließlich wollte er bei seinem ersten Date nicht nach Schweiß
stinken, was prompt den Unmut seiner Eltern hervorrief.
„Musst du jetzt auch nach dem Essen duschen? Wasser ist teuer!“
zischte seine Mutter ihn an, als er eilig das Haus verließ.
Den Pfeilen folgend war er in weniger als Zwanzig Minuten am Rand der
Lichtung. Sie hatte schon die Decke ausgebreitet, genau dieser Koffer stand
mitten drauf. Da lag sie mit hinter dem Kopf verschränkten Armen, die Knie
angewinkelt. Ihr Rock war bis über die Oberschenkel gerutscht. Ein delikater
Anblick. Er hatte sich noch mindesten fünf Minuten ganz leise verhalten, um
diese Bild zu genießen. Dann, nach kurzem Räuspern war er auf die Lichtung
getreten. Sie erschrak, richtete sich blitzschnell auf und zerrte hastig ihren
Rock über die Knie.
Nach diesem Sonntag hatten sie sich noch zweimal flüchtig gesehen, dann
entschwand sie aus seinen Gesichtskreis. Er war unsterblich verliebt.
All seine Bemühungen sie zu treffen verpufften wirkungslos. Sie war weg.
Spurlos vom Erdboden verschwunden.
Mit fünfundzwanzig heiratet er die Tochter einer Kollegin seiner Mutter und
frühere Freundin von Elena, die er auch vom Gymnasium kannte.
Dann, dieser Anruf:
„Hallo hier Ist Elena. You remember? Hast du noch die Skizze mit den
Pfeilen? Sonntag 15.00 Uhr. Ich hoffe du kommst.“
„Elena? Wer ist Elena? Skizze mit den Pfeilen?“ Bevor er antworten konnte,
war das Gespräch unterbrochen. Erst allmählich wurde ihm bewusst wer ihn
angerufen hatte. Das Blut schoss ihm in den Kopf. Seine Lenden zogen sich
ruckartig zusammen. Sie war wieder da.
Er schlich sich aus dem Haus. Jetzt saßen sie hier auf der Lichtung. Sie
erinnerte sich noch an seine Vorliebe für Waldfruchtmarmelade. Wahnsinn.
Er atmete ihren Duft ein. Betäubt riss er sie an sich, küsste sie wild. Gerade als
seine Hand unter Ihrem Rock den Oberschenkel empor wanderte, klickte es
mehrmals verdächtig und Blitze zuckten über die Lichtung. Erschrocken
schnellte er hoch und sah nur noch eine Figur hastig im Wald enteilen.
Erst bei der Scheidungsverhandlung sah er Elena wieder, allerdings lediglich
auf den Bildern von der Lichtung, die seine Frau dem Scheidungsrichter
vorlegte.
Claudiro